Transformation durch Kooperation

Nachlese

Am Dienstag, den 25.06.2019, kamen rund 70 Transformationsbewegte aus Praxis und Hochschule in der Aula der Universität Graz zusammen, um über Möglichkeiten transdisziplinärer Kooperationen im Bereich Stadt- und Regionalentwicklung zu sprechen und erste Schritte in diese Richtung zu setzen. Zu Beginn hieß es jedoch, kurz inne halten und träumen: wohin wollen wir eigentlich gehen?

Wir fangen an …

Nach den Vorbereitungen am Vormittag wurden zu Mittag einleitend von David Steinwender, Organisator der Veranstaltung, die Beweggründe für dieses Symposium erörtert. Neben gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen, z.B. die planetaren Grenzen, allen voran die ökologische Grundlage sowie die Klimakrise, stehen raumbezogene sozio-ökonomische Dynamiken im Zentrum des Symposiums: jene zwischen Stadt und Land. Warum zieht es immer mehr Menschen in die Städte und was kann die aktuelle Gegenbewegung zurück aufs Land daran ändern? Große Herausforderungen, denen man mit kooperativen Ansätzen begegnen muss. Denn nicht allein Konsumentscheidungen (“der Markt”) stellen die Weichen für eine zukunftsfähige Gesellschaft, sondern eine tiefergehende sozial-ökologische Transformation, bei der Zusammenarbeit eine wesentliche Rolle spielt.

UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung

Die Vereinten Nationen haben sich dafür im Rahmen der Agenda 2030 in Form der Sustainable Development Goals (SDGs) ambitionierte wenn auch nicht widerspruchsfreie Ziele, die für alle Staaten gelten, gesetzt. Damit stehen durch das 11. Ziel sowohl die Städte bzw. Stadtteile wie auch die ländlichen Gemeinden bzw. Dörfer im Fokus nachhaltiger Entwicklung. Eine wesentliche Rolle bei diesen Zielen spielen auch Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Der Beitrag der Allianz nachhaltiger Universitäten – zu der u.a. die Universität Graz gehört – hierzu erfolgt im Rahmen des Projekts UniNEtZ, bei dem es nicht nur um einen wissenschaftlich-fundierter Optionenbericht zur Umsetzung der SDGs für die österr. Bundesregierung geht, sondern auch Aktivitäten zur Bewusstseinsbildung und Umsetzung der SDGs frühzeitig gesetzt werden – freilich unter Einbindung der Studierenden und auch außeruniversitärer AkteurInnen.

Studierende spielen im SDG 4 – Bildung für nachhaltige Entwicklung – eine wesentliche Rolle. So war das Symposiums gleichzeitig das Ende der Lehrveranstaltung “IP Die Vitale Gemeinde” aus dem Curriculum der Umweltsystemwissenschaften, welche dieses Sommersemester an der Universität Graz am Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung abgehalten wurde. Im Rahmen des Symposiums wurde ein Video über den Kick-off der Vitalisierung der Gemeinde St.Nikolai im Sausal als erster Gastbeitrag präsentiert.

Kooperation für smarte, vitale Dörfer und Stadtteile

Ein sehr wichtiges SDG ist das 17te: Partnerschaften. Auch dieses Symposium ging der Frage nach diesen Partnerschaften in der Stadt(teil)-Entwicklung/Gestaltung/Metamorphose und Kommunal-/Regional-/Gemeinde-/Dorfentwicklung nach. Wie sehen lebenswerte, smarte und vitale Stadtteile und Dörfer in Zukunft aus? Smart wurde dabei in reflektierter Anlehnung an die EU-Initiative zu den Smart Villages und als Gegenpart zum gehypten Begriff der Smart City verstanden. Im Kontext des Symposiums stand er für intelligente aber nicht Technologie-gläubige Wissensdörfer und Stadtteile, in denen neue Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens (Kultur, Wirtschaft) in Einklang mit planetaren Grenzen erprobt werden. Vital steht in Anlehnung an die Vitale Gemeinde unter anderem für Lebendigkeit im Dorf und Stadtteil – in Kombination stehen beide Begriffe für ständige Innovationskraft, aber auch für Lebensqualität und Inklusion. Ungleiche Gesellschaftsverhältnisse dürfen dabei nicht außer Acht gelassen werden.
Das besagte Ziel hinter Smarten, vitalen Dörfern und Stadtteilen, welches mit der Idee der Transition Towns korrespondiert, ist die Verknüpfung von Vorteilen der Stadt mit jenen  des ländlichen Raums: urbane Dörfer und dörfliche Stadtteile (Grätzl), die auch solche sind. Kulturelle Dichte und Begegnung, Konnektivität, Versorgungssicherheit und -souveränität sind dabei entscheide Faktoren. Sowohl die digitale wie auch die reale Welt spielen dabei eine wesentliche Rolle.
Die nachkommenden Beispiele aus den Impulsvorträgen – angelehnt an das Pecha-Kucha-Format sehr kurz und zügig – gaben weitreichende Einblicke in bestehende Initiativen. Dabei kamen AkteurInnen aus Theorie und Praxis aus dem Osten Österreichs zusammen.

Ein neues Bild vom Land und von Bild

Der Impulsblock vor der ersten Pause beschäftigte sich Schwerpunkt-mäßig mit dem ländlichen Raum. Franz Nahrada (GIVE, ECOVAST, Transition Austria) stellte zu Beginn die DorfUni als Werkzeug vor, wie sich Bildungszentren (wobei der Begriff sehr weit gefasst ist) in Kommunen mittels Video-Bridge vernetzen können. Isabel Stumfol von der TU Wien stellte daraufhin gemeinsam mit Kerstin Schmid Beispiele aus ihren Forschungs- und Lehrtätigkeiten vor, und zeigte, wie transdisziplinäre Zugänge in der Raumplanung aussehen: Story-Telling spielt dabei eine besondere Rolle.

Im Anschluss übernahmen die ArchitektInnen. Zunächst sprach Judith Zöchmeister (Ortgang Architektur) über die Rollen von Schulen sowohl als Impulsgeberinnen in der ländlichen Entwicklung wie auch im Sinne der Nachnutzung von Gebäuden, wobei die Schulen in ihre Umgebung eingebettet sind. Im Anschluss erläuterte Paul Adrian Schulz, von der Initiative for Convivial Practices , wie mit dem Vivihouse Selbstbau mit nachhaltigen Rohstoffen realisiert werden kann, welche Bedeutung dies für Stadtteil- und Gemeindeentwicklung hat und wie dies in die Lehre an der TU Wien integriert wurde bzw. wird.

Die Nachbargemeinde von Pernitz, wo der erste Vivihouse-Prototyp steht, ist Gutenstein. Michael Kreuzer (Bürgermeister von Gutenstein) erzählte, wie er der Gemeinde neues Leben einhauchte, in dem er die EinwohnerInnen stärker in die infrastrukturelle und kulturelle Gemeindeentwicklung einband, wodurch er die Kooperation unter den BewohnerInnen fördern konnte. Die Dorfschmiede rund um die Firma Wohnwagon und die jährlich dort stattfindenden Raimundspiele sind dabei nur zwei Beispiele, wie die Dorfkultur einer ehemaligen Abwanderungsgemeinde wieder belebt werden konnte.

Den ersten Block rundete Barbara Kanzian ab, die auf ihren Blog “Über Land” zahlreiche Geschichten über Stadt und Land(wirtschaft) sammelt und Beispiele für nachhaltige Entwicklung auf lokaler Ebene sichtbar macht.

In der Pause konnten anschließend die Plakate der Studierenden des “IP Die Vitale Gemeinde” begutachtet werden – ebenso konnte man sich am Buffet des Incafé von Jugend am Werk stärken. Mahlzeit.

Vom Land in die Stadt – von dort ins Grätzl

Den zweiten Teil des Einführungsblocks eröffnete Franziska Schruth vom Stadtlabor Graz. Sie sprach über den sich in Entwicklung befindlichen Smart City Stadtteil auf den ehemaligen Wagner-Biro-Gründen nordwestlich des Grazer Hauptbahnhofs. Darum berichtete Kim Aigner von SOL- Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil von einem sich im Aufbau befindlichen Reallabor des transformativen Lernens im 10.Wiener Gemeindebezirk: dem Pionier-Campus. Dabei wird eine Siedlung zum Pilot für Stadtteilmetamorphose, bei der milieu-übergreifende Nachhaltigkeitsprojekte, angefangen vom naturnaher Bewirtschaftung der Siedlung inkl. biologischen Garten, Foodcoop bishin zum Gemeinschaftsbüro, initiiert wurden: Gemeinwesenarbeit meets Transition. Genosseschaften spielen dabei auch eine Rolle.

Gesundheitsdörfer und ihr Potential für das Miteinander von Stadt und Land bei der Gestaltung einer an Menschen orientierten Zukunft war das Thema von Günter Hubmeier’s Präsentation (Initiative Zivilgesellschaft / BewusstSEINswelt). Damit wurde klar, dass eine nachhaltige Entwicklung gemäß SDG 3 auch mit Gesundheit und Wohlbefinden zu tun hat.

Der Gesundheit des Bodens und in weiterer Folge des Klimas widmete sich Thomas Karner. Er erzählte von international gefragten Humusaufbau-Projekten der  Ökoregion Kaindorf, ehe nach längerer Zeit wieder eine Forscherin, Sandra Karner vom Interdisziplinären Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur in Graz, mit einem transdisziplinären Zugang über nachhaltige und inklusive Lebensmittel(versorgungs)systeme referierte. Alina Vetter stellte in ihrem Impuls “Strategie und Aktion – Von regionaler Transformation zu globaler WirksamkeitplanetYES vor.

Entscheidungsfindung: Das SK-Prinzip

Systemisches Konsensieren (SK) war Kernthema des Abschlussimpulses von Elisabeth Handl (1000AND1.solutions), die gekonnt ihre Präsentation über die Bürgerbeteiligung nach dem SK-Prinzip am Modell Munderfing improvisierte, nachdem Christian Kozina (Verein zur Förderung der Aktiv-Demokratie/Verein für nachhaltiges Wirtschaften Gemeinwohl-Ökonomie Steiermark) bereits in seinem Vortrag einiges über SK im Kontext der Bürger*innen-Konvente erzählt hatte. Diese Überschneidung schadete jedoch keinesfalls, da gute Entscheidungen auch eine gute Methodik der Entscheidungsfindung brauchen. Interessanterweise gab es ohne Absprache unter den ReferentInnen sehr viele Querverweise zu anderen Präsentationen und einige Beispiele aus den Vorträgen wurden öfters genannt.

Getting activ

Im Anschluss an den Einführungsblock konnten alle TeilnehmerInnen endlich ins Arbeiten kommen. Auf den sechs Thementischen

  • Neue Wege in der Bildung und die Möglichkeiten der Digitalisierung (Tisch-Host: Franz Nahrada)
  • Nachhaltige Infrastrukturen: Verkehr & Energie (Tisch-Host: Jürgen Suschek-Berger, IFZ Graz)
  • Gemeinsame Gestaltung der gebauten Umwelt (Tisch-Host: Paul A. Schulz)
  • Zusammenleben und -wirken im Stadtteil oder Dorf (Tisch-Host: Kim Aigner)
  • Nachhaltiges, regionales Wirtschaften (Tisch-Host: Christian Kozina)
  • Ernährung, Umwelt & Gesundheit (Tisch-Host: Sandra Karner)

wurde intensiv über folgende Fragen, wobei jedeR drei Tische besuchen konnte, diskutiert :

  1. Welche Herausforderungen bestehen beim Thementisch am
    Land & in der Stadt?
  2. Welche Lösungen zu den Herausforderungen werden jetzt
    schon angewendet?
  3. Welche Möglichkeiten gibt es, noch offene Lösungen durch
    Kooperationen mit Hochschulen zu entwickeln und zu
    implementieren?

Der anschließende Open Space wurde ebenfalls reichlich genutzt, um über spontan aufkommende Themen zu diskutieren. Die Veranstaltung ging wie bei Wetten, dass …??? in die Verlängerung.

Eine ausführliche Dokumentation wird im Laufe des Julis erstellt.
Bei Fragen, schreiben Sie an: david.steinwender[{at]transition.at

Wir freuen uns auf die nächsten Schritte.

Präsentationen (für die Bildrechte in den Präsentationen sind die AutorInnen verantwortlich).